Wenn der Stürmer trifft, aber das System verliert
- Mark Us
- 7. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Ein Spieler trifft drei Mal in zwei Spielen. Statistisch ein Lauf, der jede Sportmanagerin freuen sollte. Drei Wochen später sitzt derselbe Spieler beim Trainer und sagt, er wolle den Verein verlassen. Der Trainer ist überrascht. Der Sportdirektor ist überrascht. Der Spieler war es, gemessen an den Toren, am wenigsten.
Solche Szenen kennen Verantwortliche in jedem österreichischen Profibetrieb. Etwas funktioniert sportlich – und gleichzeitig kippt etwas, das niemand richtig benennen kann. Wer in dieser Situation nur den Spieler coacht, behandelt das Symptom. Wer das Umfeld einbezieht, kommt an die Ursache.
Mehr als Mentaltraining
Sportpsychologie und Mentaltraining sind wertvolle Werkzeuge. Sie arbeiten am Athleten: an Konzentration, Visualisierung, Druckbewältigung. Systemisches Coaching macht etwas anderes. Es betrachtet den Sportler nicht isoliert, sondern als Teil eines Beziehungsgeflechts aus Trainer, Staff, Familie, Sponsoren, Medien und Mitspielerinnen. Und es geht davon aus, dass Leistung in genau diesem Geflecht entsteht – oder eben verhindert wird.
Der österreichisch-amerikanische Biologe Ludwig von Bertalanffy hat die Grundidee schon in den 1940er-Jahren formuliert: Komplexe Phänomene werden nicht verständlich, wenn man nur einzelne Teile betrachtet. Erst das Zusammenspiel macht das Ganze sichtbar. Auf den Sport übertragen heißt das: Ein Formtief ist selten ein individuelles Problem. Es ist meist ein systemisches.
Coaching für Trainer, nicht nur für Spieler
Die teuersten Fehlentscheidungen im Profisport entstehen selten bei den Athletinnen. Sie entstehen an der Bande, im Büro des Sportdirektors, in der Kommunikation zwischen Cheftrainer und Co-Trainer. Genau dort setzt systemisches Coaching an.
Ein Cheftrainer, der unter medialem Dauerfeuer steht, trifft andere Entscheidungen als einer, der Rückendeckung spürt. Ein Athletiktrainer, der seine Vorschläge dreimal wiederholen muss, bis sie ankommen, zieht sich irgendwann zurück. Ein Tormanntrainer, der mit dem Cheftrainer nicht spricht, sondern nur über ihn, ist ein systemisches Risiko, kein persönliches.
Die Frage lautet in solchen Fällen nicht: Wer macht den Fehler? Sondern: Welches Muster im Staff hält das Problem stabil? Genau diese Verschiebung der Frage ist der Kern systemischer Arbeit.
Wie ein Coaching-Prozess konkret aussieht
Ein systemisches Coaching im Sport beginnt mit einer Auftragsklärung, nicht mit einer Diagnose. Wer ist Auftraggeber, wer ist Coachee, wer hat ein Interesse am Ergebnis? Im Profisport sind das selten dieselben Personen. Der Verein bezahlt, der Trainer wird begleitet, der Sportler ist betroffen. Diese Konstellation transparent zu machen, ist die erste Coaching-Leistung.
Danach geht es um Muster. Welche Konflikte wiederholen sich? Wer spricht mit wem – und wer nicht? Wo entsteht Information, wo versickert sie? Welche Erwartungen sind ausgesprochen, welche nur unterstellt? Eine Saison im Profisport produziert genug solcher Muster, um eine ganze Coaching-Reihe zu füllen.
Am Ende steht selten eine spektakuläre Erkenntnis. Häufiger ein präziser, kleiner Hebel. Ein Meeting weniger pro Woche. Ein Vier-Augen-Gespräch zwischen zwei Trainern, das seit Monaten überfällig war. Eine klar verteilte Zuständigkeit, die vorher diffus blieb. Systemisch wirksam, nicht spektakulär.
Was Sportmanager davon haben
Coaching-Budgets sind im österreichischen Sport oft überschaubar. Umso wichtiger ist die Frage, wo sie den größten Hebel haben. Erfahrungsgemäß nicht beim Topverdiener im Kader. Sondern dort, wo Beziehungen klemmen: zwischen sportlicher Leitung und Geschäftsführung, zwischen Cheftrainer und Staff, zwischen Verein und Spielerberatern. Wer dort investiert, beeinflusst nicht eine Karriere, sondern eine ganze Saison.
Systemisches Coaching ist kein Ersatz für sportpsychologische Arbeit am Athleten. Es ist die Ebene darüber. Und in vielen Fällen die, an der zuerst gearbeitet werden sollte.
Kontakt
Wenn Sie als Sportmanagerin oder Sportmanager prüfen wollen, ob systemisches Coaching für Ihre Organisation sinnvoll ist: Schreiben Sie institut@oskm.at. Ein Erstgespräch ist kostenfrei und unverbindlich.
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